Gedanken zur Wahl

Neulich saß ich beim Fußballspiel gegen Österreich mit einem Kumpel zusammen und wir unterhielten uns über die Wahl. Er war noch sehr unentschieden, was er wählen sollte und zeigte sich erstaunt davon, dass ich meine Stimme bereits abgegeben hatte: „Das könnte ich zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht.“

Im Laufe des weiteren Gesprächs kamen ein paar Themen zur Sprache, die ich gerne mit Frau Gombert und euch teile.

Taktisch wählen ist scheiße

Punkt. Das hat viele Gründe. Zuallerst einen moralischen. Gewählt wird, was laut aktueller Umfragesituation taktisch irgendwie noch am besten passt. Das kann keine solide Willensbekundung des Souveräns sein. Zudem bedeuten solche Wahlentscheidungen auch Rückkopplung: Die Umfragen verschieben sich in taktische Richtungen und sorgen somit wieder für andere taktische Konstellationen.

Bei der letzten Bundestagswahl sah man sehr gut, was es bedeutet, taktisch zu wählen: Viele Deutsche gaben der FDP ihre Stimme, weil sie es als einzige Möglichkeit sahen, die Weiterführung der Koalition aus SPD und CDU zu verhindern. Der Plan ging zwar auf, aber die FDP ging mit derart stolzgeschwellter Brust in die Regierung, dass es Mediendeutschland kaum aushalten konnte. Der Rest ist dem Politikinteressierten bekannt. Und am damaligen Parteivorsitzenden Guido Westerwelle sah man auch sehr gut, wo so eine Wahlaussage hinführt: „Niemand hat der FDP Stimmen geschenkt! Deutschland findet nur uns und unser Programm so cool!“ Das wird’s gewesen sein.

Zudem führt taktisches Wählen zu keiner großen Veränderung. Wenn man nur die Wahl zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün sieht – oder nach aktueller Umfragenlage vielleicht sogar nur zwischen … na ja. Zwischen was? Gelb, damit Schwarz nicht noch stärker wird? Wer einen politischen Wandel herbeiführen möchte kann mit einer solchen „Wahl“ nicht zufrieden sein. Was zudem ein weiterer wichtiger Punkt ist: Als Souverän des Staates kann niemand damit zufrieden sein, gegen – oder wenigstens nicht völlig für – seine Überzeugung zu wählen.

Kurzum: Wählt, was euch am besten passt!

Nichtwählen geht nicht

Dazu zählt – bitte gut aufpassen – auch eine ungültige Stimmabgabe. „Dann wähl halt/wenigstens ungültig.“ Ich höre das bei jeder Wahl erschreckend oft. Und muss jedes Mal widersprechen: Ungültig wählen bedeutet nicht zu wählen. Mehr nicht.  Nähere Information hält Wahlrecht.de bereit (nicht halb so förmlich, wie es vielleicht klingt). Nicht oder ungültig zu wählen drückt auch keinen Protest aus. Es setzt auch keine Zeichen, sondern führt höchstens zu halbherzigen Wählermotivationsprogrammen oder aber auf lange Sicht zu einer Wahlpflicht. Aber wer soll sich denn an geringer Wahlbeteiligung stören? Diejenigen, die auch gerade dadurch gewählt wurden? Diejenigen, die davon profitieren, dass 40% auf dem Sofa blieben, statt die Konkurrenz zu wählen? Die Realtität ist: Die Parteien setzen darauf, ihre Wählerschaft zu mobilisieren. Der Rest darf gerne auf die Kundgebung ihres politischen Willens verzichten. Eine andere Sichtweise – und wir wissen, dass „die Politiker“ gerne dazu neigen, Sichten einzunehmen, die ihnen nutzen – wäre zu sagen, dass Menschen, die nicht wählen, wohl so wenig an der Politik interessiert sind, weil es ihnen in ihrem Leben schlicht gut genug geht. Also alles weiter so. So schnell wird aus vermeintlichem Protest eine Zufriedenheitsbekundung. Außerdem: Dadurch werden die Stimmen all der Idioten, die ihr kennt, gewichtiger. Will man so etwas wirklich?

Daher: Wer mit dem Gedanken spielt, nicht zu wählen, sollte lieber eine Proteststimme abgeben. Schaut euch den Stimmzettel an. Wenn ihr partout keine Ahnung/Lust/Motivation/… habt, wählt jemanden, dessen Namen euch gefällt. Dessen Parteiname euch sympathisch ist. Solange keine Parteien mit menschenverachtenden Ideologien gewählt werden, ist die Stimme dort am besten aufgehoben.

Des Weiteren ist nichtwählen ist vornehmllich ein Schichtenphänomen. Hauptsächlich wählen die bildungsfernen und finanzschwachen Schichten nicht. Also eigentlich gerade die Personen, die eigentlich besonders politischer Hilfe bedürften.

Zu guter Letzt schwächt jede Stimmabgabe extreme Parteien. Aus zwei Gründen: Erstens sind sie besser in der Lage, ihre Wählerschaft zu mobilisieren, zweitens partizipieren sie nur dann von der Parteienfinanzierung, wenn sie über 1% der abgegebenen Stimmen für sich behaupten können.

Nach Stimmung wählen ist sinnlos

Die Volksseele ist ein merkwürdiges Ding. Oft bildet sich ihre Stimmung aus der medialen Stimmung heraus – was gefährlich ist. „Was ist mit den Piraten?“, frage ich meinen Kumpel, als wir über konkrete Wahlalternativen sprechen. „Hm“, antwortet er zögerlich und weiß, dass er mir gegenüber eher reflektierte Meinungen äußern sollte, „ich weiß nicht. Sind die nicht alle so zerstritten? Das ist … hm … ja, das ist irgendwie das Letzte, was ich von denen gehört habe. Dass die zerstritten sind. Und sonst war es in letzter Zeit ja sehr ruhig. Trotz dieser ganzen Datenskandale!“

Erinnert sich noch jemand an die Stimmung vor vielen Monaten? Als die Piraten – die neuen Grünen, diese Visionäre, diese abgedrehten Nerds – bei 12% standen? Als der damalige Parteivorsitzende gefragt wurde, mit wem er sich eine Koalition vorstellen könnte? Als man keine Talkshow sehen konnte, in der nicht irgendein merkwürdiger, junger Mensch von den Piraten saß? Gibt’s die denn überhaupt noch? Na ja, irgendwer muss die Wahlplakate ja geklebt haben …

Dies, ihr Lieben, ist die Realität der Massenmedien. Das ist die Stimmung, die auch meinen Kumpel erfasst hat und der auf konkrete Nachfragen merkte, dass diesem Bild keine fundierte Ansicht – schon gar keine fundierte politische Sachlage – zugrunde lag, sondern eben nur eine bereits subtil festgeschliffene Meinung. Beschäftigt man sich ein wenig mit dem gezeichneten Bild, stellt man fest, dass es schlicht falsch ist. Besonders abstrus liest sich ein zwei Monate alter Artikel von Daniel Schwerdt, in dem vor allem die geschilderte Redaktionsreaktion traurig stimmt. Und … irgendwie auch belustigt.

Auch Steinbrück ist von Anfang an runtergeschrieben worden. Jede läppische Bemerkung ist aufgeblasen und tagelang durchs Dorf getrieben worden, bis man etwas Neues gefunden hat, was sich für diese Aufgabe lohnte.

Und zwischenzeitlich lag auch die FDP im Bundestrend bei 2–3%. Als man schon darüber spottete, dass die Liberalen ja eigentlich mit den in Balken der sonstigen Parteien aufgenommen werden könnten.

Hat sich seit diesen Zeiten, die alle gar nicht so lange her sind, so viel verändert? Es gibt noch eine Vielzahl anderer Beispiele, die alle nur folgende Aussage machen sollen: informiert euch! Sei es der Wahl-O-Mat, ein bisschen Recherche, Gespräche mit politisch interessierten Freunden, das Blättern durch Wahlprogramme, die Begutachtung der Antworten und Abstimmungsverhalten bei Abgeordnetenwatch oder eine Kombination daraus: Bildet euch eine aufgeschlossene Meinung, die nicht darauf beruht, was ihr gerade so „fühlt“ oder „glaubt“. Macht euer Wahlverhalten nicht davon abhängig, in welchem Status sich Deutschlands Willenbildung gerade befindet oder wer gerade klein- oder großgeschrieben wird. Denn natürlich ist auch das andere Extrem möglich. Für die Berliner Piraten war bei den letzten Abgeordnetenhauswahlen die 5%-Hürde ein realistisches, wenn auch ambitioniertes Ziel. Das damals phänomenale Ergebnis von 8,9% hingegen war letztlich schlichtweg auf den guten Willen der Medien zurückzuführen, die viel Aufmerksamkeit auf die orangefarbenen Flaggen richtete.

Wählt ruhig – und gerade! – die „Kleinen“

„Ich weiß nicht“, sagt mein Kumpel kleinlaut, „Die Linke will ich nicht wählen. Mit denen kann man derzeit doch gar nicht regieren. Gerade im Westen sind die doch unterwandert von so merkwürdigen linken Strömungen. Und bei den Piraten hab ich Angst, dass ich dann meine Stimme abgebe und die dann bei 4% stehen und meine Stimme umsonst war.“

Auch hier gibt es wieder eine Vielzahl verschiedener Argumente. Zuerst wieder das moralische: Will wirklich jemand lieber das „kleinere Übel“ als nach seiner Überzeugung wählen? Ansonsten trifft hier natürlich auch der erste Punkt zu, denn zumindest das Abwägen über die 5%-Hürde ist eine taktische Abwägung.

Darüber hinaus hat sich im letzten Jahrzehnt mein politisches Verständnis sehr gewandelt. Es geht tatsächlich nicht mehr darum, wen man gerne ins Kanzleramt bringen möchte, sondern darum, welche politische Richtung man dem Land geben möchte. Was das heißt? Ein Gedankenspiel: Nehmen wir an, die Piraten und die Linken erreichen jeweils 20% bei der nächsten Bundestagswahl, aber an den Regierungsparteien ändert sich nichts, da Rot-Grün ziemlich abgestürzt sind und der Verlust von Schwarz-Gelb nur dazu geführt hat, dass die Mehrheit im Bundestag lediglich zwei Sitze beträgt. Die Regierung wäre dieselbe – aber meint ihr wirklich, die Politik wäre es auch? Sicherlich nicht. Alleine aus Machterhaltungstrieb wären die zukünftigen Bestrebungen darauf ausgerichtet, die Kontrahenten wieder möglich klein zu halten. Vielleicht wäre der Überwachungsskandal nun doch ein größeres Thema und … wer weiß? Vielleicht gäbe es sogar einen moderaten Mindestlohn von 7,50 €? Natürlich ist das sehr vereinfacht und unsinnig-übetrieben dargestellt. Aber so funktioniert politische Willensbildung – vor allem unter der Regierung Merkel. Man versucht die Kontrahenten zu schwächen und ihre Themen zu entkräften, indem man diesen Positionen entgegenkommt. Wer die Linken wählt, will vielleicht gar nicht, dass Die Linke eine Regierungspartei wählt. Aber er ruft den Oberen ins Gedächtnis, dass die Sozialpolitik zu kurz kommt. Und gerade im Hinblick auf die nächsten Wahlen würde sich so eine Regierung sehr gut überlegen, ob man die gerade neu angedachten ALG-II-Gängeleien nicht vielleicht doch erstmal sein lässt. Auch das ist ein Wahlerfolg. Es ist Protest und politische Willensbildung – wenn auch nicht so medienwirksam.

Zum Schluss spielt auch ein finanzieller Aspekt eine Rolle. Stimmen bringen den Parteien Geld. Nicht nur abstrakt, sondern auch direkt über die Parteifinanzierung. Das bedeutet: Ohne nennenswerten Aufwand ist es möglich, für seine Überzeugung zu spenden.

Fassen wir zusammen: eine Stimme für eine kleine Partei bedeutet finanzielle und moralische Unterstützung der Sache, Protest und die Mitteilung des politischen Willens. Es ist nicht laut, nicht spektakulär und hat erstmal nur abstrakte Auswirkungen. Aber selbst unter der 5%-Hürde bleiben diese Vorteile noch vorhanden.

Parteiprogramme sind nicht alles

„Die Grünen könnte ich mir ja auch vorstellen, aber was die da mit dem Spitzensteuersatz vorhaben … Ich meine, der zieht schon viel früher, als man gemeinhin denkt. Da wären auch viele betroffen, die man nicht unbedingt als ‘reich’ bezeichnen würde.“

Die politische Kultur in Deutschland hat vor allem ein großes Problem: Jede Partei schreibt ihr Partei- und Wahlprogramm so, als gehörte ihnen nach der Wahl die Alleinherrschaft. Nach aktuellem Stand wird dies wohl keiner Partei vergönnt sein – schon gar nicht den Grünen. ;-) Daher ist es wichtig, das „große Ganze“ hinter den Programmen zu erkenne. Von welchem Menschenbild geht man aus? Wie wird man mit dieser Ideologie wohl auf neue Probleme reagieren? Wie wichtig sind einzelne Punkte und wie gnadenlos wird man um diese bei möglichen Koalitionsverhandlungen feilschen? Bei der letzten Wahl wollten die Grünen den Soli abschaffen und direkt in Bildung investieren. Wär wäre ihnen bei diesem Weg gefolgt? Bei den Piraten steht irgendwo das bedingungslose Grundeinkommen. Wer würde dies denn ernsthaft mittragen? Es finden sich immer einzelne Punkte, die einem missfallen – aber gerade bei großen und einschneidenden Veränderungen müssen diese auch gesellschaftsfähig sein. Und genau das spiegelt sich in der Wahl möglicher Koalitionspartner wider. Im Volkswillen.

Dies ist nicht für euch

Die meisten von euch, die diesen Text bis hierhin gelesen haben, werden wahrscheinlich nur bedingt betroffen sein. So, wie ich mit meinem Kumpel gesprochen und diskutiert habe, solltet auch ihr eure Gedanken mit den Menschen abseits des Netzes teilen. Denn wir „Netzmenschen“ ™ sind immer noch klar in der Unterzahl – und gerade bei den Nichtwählern ist es wichtig, ihnen die Mechanismen zu vermitteln, die dazu führen, dass auch niemand ein Interesse hat, ihnen eine Wahl schmackhaft zu machen, wenn sie nicht eben doch wählen.

In diesem Sinne: spread the word. Nicht unbedingt meins – sondern überhaupt politisches. Wenn ich ein paar Gedanken dazu beisteuern konnte: umso besser.

Von diesem Internet und der Liebe – ein offener Brief

Zwei Geschichten aus den sozialen Netzwerken sorgen in den letzten Wochen für Furore:

  1. Zunächst die Schilderung auf dem Blog von »Victoria Hamburg«, die im Internet »Kai« kennen gelernt hat, der sie über Monate manipuliert hat, um eine Beziehung mit ihr aufzubauen;
  2. dann [das] Blog kleines-scheusal.de, [das] zusammen mit einem Twitter-Profil entweder von einer PR-Agentur oder aber einem Mann betrieben wurde, der vorgab, eine junge Frau stünde hinter Blog und Profil.

Bei beiden Vorfällen spielen aufwändige Fakes eine große Rolle.

So beginnt der Blogpost von schulesocialmedia. Es ist eine gute Einleitung, um auch diesen Eintrag zu beginnen, auch wenn die folgenden Ausführungen eher in die entgegensetzte Richtung laufen, die dieser Beitrag verfolgen wird. Hier soll es auch nur um die erste Geschichte gehen – die Geschichte von Victoria. Den ausführlichen Text kurz zusammengefasst: Victoria verliebt sich in eine Person, die es nie gab. Als ich die Geschichte heute las, machte sie mich nachdenklich und betroffen. In einem Maße, dass ich eine Nachricht an Victoria schrieb. Kurz vor dem Abschicken der Nachricht, als mein Name schon darunter stand, fiel mir ein, dass ich diesen Text meinerseits ja auch öffentlich machen könnte – schließlich war dies einst doch der Dreh- und Angelpunkt der Blogosphäre: Interaktion.

Aus diesem Gedanken heraus – und weil aus der Nachricht ein kleines Plädoyer für Vertrauen und Liebe geworden ist, das sich auch für ein größeres Publikum eignet – kopiere ich die entworfene Nachricht uneditiert hierhin und mache damit einen öffentlichen Brief daraus.

Liebe Victoria,

wie wohl bei den letzten ganzen Rückmeldungen zuvor geht es in dieser um deinen Fake-Text. Beim Lesen habe ich oft genickt und verstanden, was da passiert ist. Denn mir ist genau das Gleiche wiederfahren – mit dem Unterschied, dass alles echt sowie aufrichtig war und in eine wunderbare Beziehung gemündet ist. Und das, wie ich während des Lesens festgestellt habe, mit sehr viel weniger „Beweisen“, als es bei „euch“ der Fall war. Bei uns lief es vom Reply zur DM zu WhatsApp. Keine privaten Instagram-Accounts und bei Facebook waren wir bis zum ersten Treffen überhaupt nicht befreundet. Freunde oder Freundinnen? Also … Accounts von diesen? Habe ich nie gesehen.

Bei uns waren die Orte Trier und Berlin. Zwar nicht so weit entfernt wie die USA, aber für zwei Studenten trotzdem eine ordentliche Strecke von 730km, die man nicht mal für ‘nen Tag hinter sich bringen kann. Letztlich habe ich mich auf viel weniger verlassen, als du gehabt hast und bin trotzdem nach vier Monaten intensiven Zeitvertreibs heruntergefahren. Miteinander telefoniert haben wir … vielleicht ein halbes Dutzend Mal. Und Treffen aufgrund von Prüfungen und Terminen auch vor uns hergeschoben. Post geschickt habe ich ihr in der Zeit 2x. Selbst bekommen keine. So gesehen … hätte ich wahrscheinlich gut ein ebensolcher Fake sein können. Sie natürlich auch, aber ich wahrscheinlich der „bessere“. Zumal sie bis dato genau ein Bild von mir bekommen hatte. Ein einziges.

Die wenigen Unterschiede, die ich sonst beim Lesen deiner Geschichte ausmachen konnte, war, dass wir uns nichts über unser Leben vorgeschrieben haben. Ansonsten … phew. An vielen Stellen habe ich den Werdegang unserer Beziehung wiedererkannt.

Aber warum schreibe ich das Ganze jetzt?

Erstens vielleicht, um dir Mut zu machen, auch wieder Vertrauen zu fassen. Das Ganze sitzt tief; ich kann es mir vorstellen. Aber die überwiegende Anzahl von Entitäten da draußen, die einem gefallen, ist es wert, ihnen auch zu vertrauen.

Zweitens, daran anknüpfend, hat mich das Fazit ein bisschen gestört, auch wenn es in deiner Situation mehr als verständlich ist.

Denn viele Punkte sind dabei sehr restriktiv. „Achtet darauf, mit wem ihr kommuniziert“, „trefft euch schnell“, „seid misstrauisch“, „passt auf, was ihr preisgebt“. Es ist der erhobene Zeigefinger. Derart, wie ihn meine Mutter mir auch stets gezeigt hat. Seit ich dreizehn bin chatte ich. Ich habe mich mit vielen Leuten getroffen. Mit den meisten heimlich. Damals konnte ich meiner Mutter kaum erzählen, dass ich mich mit Menschen aus diesem Internet treffe. Das könnten doch alles fünfzigjährige Männer sein, die Kinder verschleppen! Letztlich entpuppte sich jeder von denen als die Art von Mensch, für die ich sie auch gehalten habe (mit vielleicht einer halben Ausnahme, eines sehr netten, jungen Mannes, der sich bei persönlicher Betrachtung jedoch als ziemlich rechtslastig erwies, was ich so nicht erwartet hatte).
Auch von meiner Twitter-WhatsApp-Beziehung konnte ich ihr nichts erzählen. Selbst hinterher, nachdem das Treffen schon durch und die Beziehung quasi offiziell war, mahnte sie noch, dass das auch alles hätte Lug und Trug sein können. Sowas sehe man schließlich „ständig“ im Fernsehen.

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wo ich mit dieser Beziehung gelandet wäre, wenn ich mir deinen Text vorher intensiv durchgelesen und mitgefühlt hätte. Und genau das ist wahrscheinlich der Punkt, der letztlich den Ausschlag zu diesen Zeilen gab. Misstrauen, Zweifel, ständiges Hinterfragen – das alles gehört für mich nicht zur unbekümmerten Kommunikation. Und schon gar nicht zur Liebe.

Das, was dir passiert ist, ist grausam. Aber es ist dieser eine – und das mein ich nicht böse, versteh’s bitte nicht falsch – Akte-2013-Fall, den Menschen wie meine Mutter sehen und dann für das gesamte Internettreiben halten. Ihre Mutter übrigens auch (Dialog vorher: „Er soll in einem Hotel schlafen! Was, wenn es ein Mörder ist?“
„Dann ermordet er mich trotzdem – egal, wo er schläft.“)

Worauf ich wohl hinaus will: Es wäre schade, wenn anderen Menschen dieses Glück, das mir zuteil wurde (und für das ich außerordentlich dankbar bin), dieses Glück, von dem du dachtest, es sei auch dir zuteil geworden … wenn dieses Glück anderen Menschen versagt bliebe, weil sie durch Fälle wie diesen zu skeptisch, zu misstrauisch geworden sind. Schließlich ist sowas auch nicht immer eine bewusste, nicht immer eine rationale Entscheidung. Die ersten Gespräche, die noch nirgends hinwollen, die keine bewussten Annäherungen oder gar Flirts sind, basieren schließlich maßgeblich auf Vertrauen. Und meines Ertrachtens gibt es heute schon eher zu wenig als zu viel davon.

Ich hatte vor heute noch nichts von dir gehört, habe deine Tweets nicht verfolgt und auch deine anderen Postings nicht gelesen. Dennoch vertraue ich erstmal darauf, dass das, was da steht, authentisch ist. Denn es ist dieser Vertrauensvorschuss, der die Interaktion im Netz erst mit Sinn erfüllt.

Der einzige Tipp, der – und ich nehme wider besseren Wissens an, dass das zumindest zum Teil symptomatisch für solche Fälle ist – aus meiner Sicht wirklich wichtig ist, ist das Nichtmanipulierenlassen, das Nichtisolierenlassen. Denn egal, ob offline oder online: Liebe und Beziehung bedeuten nicht Verzicht und Vorschriften, sondern Entfaltung und Wachstum.

In diesem Sinne wünsche ich dir für deine Zukunft einen Partner an deine Seite, mit dem du genau dies erfahren lasst. Egal, auf welchem Weg ihr letztlich zueinander findet.

Liebe Grüße

Sven

Sneak Review: ‘The Company You Keep – Die Akte Grant’

Mit einer Verspätung aus der letzten Woche: The Company You Keep ist ein Film mit fabelhaftem Plot, überzeugenden Schauspielern, einem guten Soundtrack und schönen Dialogen. Was ihm fehlt, um sofort in höhere Filmkunstregionen zu schießen, ist schlichtweg ein strafferer Spannungsbogen. Ich mag Filme, die sich Zeit lassen. Die Szenen ausspielen. Vieles funktioniert dabei auch sehr gut. Die Hinweise und Anreichungen kommen einigermaßen subtil daher, der Story-Verlauf ist nicht allzu vorhersehbar und ohnehin klare Sachverhalte werden nicht nochmal explizit ausgesprochen. Man fühlt sich als Zuschauer ernstgenommen. Jedoch mangelt es schlichtweg an spannenden Schlüsselszenen. An Querelen, die länger als eine halbe Minute dauern. In denen man mitfiebert. All dies bietet der Film leider nur ansatzweise, so dass das Grundtempo sehr langsam daherkommt und den Spannungsbogen dadurch allzu oft strapaziert. Das macht den Film noch lange nicht schlecht, ist aber insofern schade, als dass dadurch viel Potential für ein wirklich tolles Filmerlebnis schlicht vergeben wurde und daher einen eher enttäuschenden Nachgeschmack hinterlässt.

Fazit: Ein ansehnlicher Film mit vielen – oben genannten – Stärken, die aber leider nicht in Gänze genutzt werden: 6,5 / 10 Punkte.


Kinostart: 25. Juli 2013

Trailer

Review: Man of Steel

Fast genau vor drei Jahren saß ich mit einem Kumpel zusammen und lernte für Prüfungen. Es war ein schöner Sommertag und wir gönnten uns zwischendurch eine Pause, in der wir nach draußen gingen und herumspazierten. Irgendwann kamen wir auf die Ankündigung eines neuen Superman-Films zu sprechen und gerieten ins Diskutieren. Eigentlich waren wir uns einig: Auch, wenn ich in meiner Kindheit gerne ‘Superman – Die Abenteuer von Lois & Clark’ gesehen hatte (heute kann ich mich an so ziemlich nichts mehr davon erinnern), ist der Charakter zu langweilig gestaltet. Unverwundbar, kann fliegen, nahezu unendlich stark, Hitzeblick, Röntgenblick, tolles Gehör … Ähm, ja. So richtig Neues könne man doch da nicht herausholen. Und trotzdem. Der Zweifel blieb – vor allem bei mir. Als großer Fan der Werke von Christopher Nolan war mir die Ankündigung, dass er seine Finger mit im Spiel hatte, Grund genug, dem Film doch eine Chance zu geben. Als ich ein wenig recherchierte, stieß ich auf Äußerungen, die ungefähr aussagten, dass Nolan das Skript gelesen habe und den Ansatz derart interessant fand, dass er mitwirkte. Nolan fand das Skript interessant? Es bestand tatsächlich Hoffnung. Als dann auch noch Zack Snyder als Regisseur angeheuert wurde, den ich für seinen Watchman-Film ebenfalls sehr schätze, waren sowohl Interesse, Neugier und Spannung geweckt. Der Film musste angesehen werden – egal, was für ein Werk dabei entstünde.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber das Interesse nie wirklich verflogen. Und nun ist der Abspann über die Leinwand gelaufen. Mit welchem Ergebnis?

Erstmal bleibt festzuhalten, dass ich viele Arten von Filmen erwartet habe – und trotzdem sehr überrascht wurde. Snyder wählt sehr klassische Motive, die er allerdings unorthodox verwendet und zusammenfügt. Zu schnell geht die Charakterzeichnung, zu rasant die Konfrontation von Superman und der hartnäckigen Journalistin Lois Lane. Episoden, die einen gesamten Film hätten füllen können, werden jeweils in verhältnismäßig wenigen Minuten über die Leinwand geschoben und das Potential für eine längere Superman-Filmreihe, in der sowohl Abenteuerfilme als auch Thriller ihre Vernwendung gefunden hätten, werden quasi im Vorbeigehen übergangen. Zu oberflächlich ist die Beziehung von Chefredakteur Perry White zu der rebellischen Lois. Zu simpel und unsubtil die Behandlung der Frage, wie ein Superman in diese Welt passt.

In der Theorie.

Denn – für mich selbst ein wenig erstaunlich – bleibt festzuhalten: Es funktioniert. Und zwar richtig gut. Der Film wirkt erfrischend anders, die Zeichnung des Charakters Clark Kent gelingt ohne Längen und trotz der vielen Reduktion wirkt der Film nicht nur kurzweilig, sondern trotzdem auch voller Substanz. Es geht um eine Person, die ihren Platz in der Welt nicht ausmachen kann und sich schwer tut, ihn zu finden.

Die Konfrontation im zweiten Teil gestaltet sich da schon etwas schwieriger. Supermanwürdig fällt sie monumental aus: Nicht weniger als die gesamte Menschheit ist bedroht. Es geht nicht etwa darum, wie es dem omnipotenten Superheld gelingt, möglichst viele Menschen eines abstürzenden Flugzeugs zu retten – sondern, ob es ihm gelingt, die gesamte Welt vor der Zerstörung zu retten. Dabei geht es Schlag auf Schlag. Auch der Actionteil ist wunderbar kurzweilig und technisch einwandfrei inszeniert, allerdings nicht mehr so erfrischend und teilweise ideenlos. Denn sobald die Katze aus dem Sack ist, offenbart sich das ursprünglich angesprochene Problem mit dem Superman: Er ist zu stark. Viele Kampfszenen erinnern an ‘Matrix Revolutions’: Die Kontrahenten prügeln sich durch Häuserwände und luftige Höhen, ohne sichtbaren Erfolg zu erzielen. Gebäude und halbe Städte gehen durch die Faustgefechte zu Bruch. Zerstörung überall. Nicht nur deshalb frage ich mich persönlich, wie Warner mögliche Fortsetzungen gestalten möchte. Viel Luft nach oben ist für den Man of Steel jedenfalls nicht mehr vorhanden.

Was bleibt also nach Genuss des Filmes, auf den ich mich nahezu drei Jahre gedulden musste? Ich wurde durchgehend gut und kurzweilig unterhalten, ein klein wenig von der Geschwindigkeit der Einführung enttäuscht und von einem spannenden Actiongewitter einerseits überwältigt, aber andererseits wenig überrascht. Auch wenn es Snyder nicht gelungen ist, ein filmisches Meisterwerk zu erschaffen, ist der Mann aus Stahl ein mehr als gelungener Reboot: ein spannender, kurzweiliger sowie actiongeladener Superheldenfilm mit ordentlichem Tiefgang, einem kleinen, auflockernden Anteil Witz und einem erstaunlich konsistent gezeichneten Widersacher in einem liebevoll ausgestalteten Filmuniversum.

Insgesamt erhält der Film von mir daher vielleicht ein bisschen zu gnädige 8/10 Punkte.

Review: ‘Hangover 3’

Einer Quasi-Tradition geschuldet sah ich am Wochenende zu meinem Geburtstag den dritten und wohl letzten Teil der Hangover-Filme.

Das Finale der Filmriss-Trilogie verzichtet leider (leider, leider!) auf eine Neuauflage des alten Konzepts. Stattdessen holt das Wolfsrudel die Vergangenheit ein, der sie sich plötzlich stellen müssen. Als Handlanger und Spielball zwischen Gangsterboss und dem alten Bekannten „Mr. Chow“ findet man die Protagonisten plötzlich in einer Situation in wieder, in der man sie eigentlich gar nicht sehen will.

Meine Erwartungen waren – zugegeben – hoch: Ich rechnete mit einem furiosen, vollkommen überdrehten, weltfremden Megafilmriss, der – hollywoodtypisch – versucht, die Vorgänger an Derbheit und Kuriosität zu überbieten. Davon gab es leider gar nichts. Stattdessen sah ich plötzlich eine belanglose Gangster-Komödie wieder, in die die bekannten Gesichter nahezu unverschuldet verstrickt wurden. Das Ganze schmerzt umso mehr, weil als letzte Szene, nach Beginn des Abspanns, ein solcher Filmriss angedeutet wird. Nachdem der eigentliche Film vorbei ist, wachen die Jungs mal wieder auf und finden sich im puren Chaos wieder. Einem Chaos, das vollkommen überdreht, furios und unrealistisch daherkommt. Diese Szene zeigt eindrucksvoll, wie viel Potential in dem Franchise steckte, wie es schlicht verschenkt wurde und dass die Neuauflage des Konzepts auch noch ein drittes Mal funktioniert hätte.

Fazit: Stattdessen ist ein Film entstanden, der zwar ganz lustig ist, dessen Gangsteranteil allerdings nicht raffiniert genug und dessen Comedyanteil nicht spritzig genug herüberkommt. 6 / 10 Punkte.

Unter diesen Umständen wundert es mich im Nachhinein wenig, dass ich vorher keinen Trailer zu diesem Film gesehen hatte. Schade.


Kinostart: 30. Mai 2013

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Sneak Review: ‘Olympus Has Fallen’

Nachdem ich mit den letzten Sneaks sowohl mit den Genres als auch den Filmen kein sonderliches Glück hatte, freute ich mich zu Beginn des Films über das, was sich mir darbot. Gerard Butler! Oh, Morgan Freeman! Action! Yeah!

Das war’s dann leider fast auch schon. Olympus Has Fallen bietet eine Vielzahl guter und imposanter Actionszenen. Kaum mehr. Die Zusammenhänge des Film wirken einigermaßen konstruiert, während jede Logiklücken damit beschäftigt ist, die nächste zu jagen. Gerard Butler versucht, in die Rolle eines Stirb-Langsam-Bruce-Willis zu schlüpfen, was zwar zeitweise einigermaßen gut und durchaus mit eigenem Stil gelingt, dem Film jedoch selten wirklich gut steht. Die Kampfchoreografien wirken nicht sonderlich spritzig, die Sprüche zu unpassend cool, der Film an sich zu pathetisch und schlussendlich werden zu viele monumentale Versuche geführt, die in der Form leider nur teilweise aufgehen.

Fazit: Zum Schluss bleibt ein technisch gut umgesetztes Action-Erlebnis, dessen Spannungsbogen zwar vorhanden, aber nicht überspringend ist und auch sonst zu wenig bietet. 4 / 10 Punkte.


Kinostart: 13. Juni 2013

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Sneak Review: ‘The Big Wedding’

Mit einiger Verspätung mein Kommentar zur gerade gestarteten Komödie The Big Wedding. Nach Das hält kein Jahr … ! war es erneut eine gesneakte romantische Kömodie, die allerdings einiges besser machte.

Beide Teile, der romantische und der lustige, werden gut bedient und erhalten ihre Momente. Der aufgefahrenen Schauspieler-Riege gelingt es zudem, das Ganze mit einer gewissen Dynamik und Spritzigkeit zu versehen. Nichtsdestotrotz krankt der Film an genretypischen Problemen. Die größeren Witze sind meist vorhersehbar und bieten kaum Neues. Die gezeichneten Charaktere sind zu speziell, um eine Identifikation mit ihnen möglich zu machen, worunter auch der romantische Anteil des Films leidet.

Durch die zahlreichen Altstars und ein paar gut gesetzte Pointen bleibt die Katastrophe aus. Hin und wieder wird geschmunzelt, ab und zu fühlt man ein bisschen mit den Charakteren mit. Aber schlussendlich gelingt es dem Film dennoch nicht, vollständig zu überzeugen, so dass er kurz unter der Schwelle zur Unterhaltsamkeit landet und dort verbleibt.

Zumindest für jemanden wie mich, der mit romantischen Kömodien prinzipiell nicht allzu viel anfangen kann. 4,5 / 10 Punkte.


Kinostart: 30. Mai 2013

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